Charaktergeschichte: (LotRO) Tuilinn

Tuilinn ist geboren in Imladris, der Heimat Elronds des Halbelben. Ihr Alter beträgt in etwa 1600 Jahre, somit ist sie ungefähr Mitte des Dritten Zeitalters geboren als Tochter einer Familie von Chronisten. Ihre Eltern, Schriftgelehrte aus Eregion, waren im Zweiten Zeitalter mit Elrond nach Imladris geflohen und pflegten von da an die Bibliothek Elronds.

Seit Tuilinn das nötige Alter erreicht hatte, wurde sie von ihrer Mutter in der Kunst des Schreibens und Lesens unterrichtet. Sie verbrachte viele Jahre damit, das in Elronds Bibliothek angehäufte Wissen zu studieren und zu verinnerlichen, bevor es auch ihr zukam, die Berichte über Geschehnisse in Mittelerde niederzuschreiben.

Selbst hat Tuilinn Imladris bis zum Jahr 3017 D.Z. nie verlassen. Allerdings kannte sie Personen wie Estel – dessen wahrer Name ihr bis zu dem Zeitpunkt, da er selbst davon erfuhr, nicht bekannt war, dieses Wissen war ihren Eltern vorbehalten – oder Mithrandir, deren Berichten sie gebannt lauschte um sie der Bibliothek zuzufügen.

Es geschah etwa im Jahr 3012 D.Z., dass ihre Eltern den Ruf nach Westen vernahmen. Sie kamen ihm nicht sofort nach, da sie erst ihre Angelegenheiten regeln und für Nachfolger in ihren Pflichten sorgen wollten.

Schließlich im Jahr 3017 D.Z. machte sich Tuilinns gesamte Familie auf den Weg mit noch einigen anderen, die den Ruf vernommen hatten, um die Grauen Anfurten zu erreichen.

Für Tuilinn war die Jahre zuvor mehr als klar gewesen, dass auch sie nach Westen reisen würde. Sie hatte den Ruf selbst nicht vernommen, da sie aber keine wirkliche Vorstellung davon hatte, wie er sich anfühlen sollte, ging sie davon aus, dass er nur nicht stark genug spürbar gewesen sei.

Als die Elbin jedoch zum ersten Mal die Welt außerhalb Elronds idyllischem Tal sah, wurde ihr schlagartig klar, dass all ihr angelesenes Wissen nicht ansatzweise ausreichte, Mittelerde zu begreifen. Je weiter die Elben nach Westen reisten, umso mehr neue Erfahrungen strömten auf Tuilinn ein, und in ihr wurde nach und nach der Wunsch wach, diese Welt, in die sie ja hineingeboren worden war, besser kennenzulernen als nur über das geschriebene Wort. Sie verdrängte diesen Wunsch eine ganze Weile, schließlich war ihr seit Jahren klar gewesen, dass sie mit ihrer Familie nach Westen reisen würde, aber es wuchs ein Zwiespalt in ihr.

Die Wende kam, als die Gruppe den Baranduin überquert hatte und im südlichen Teil des Auenlandes übernachtete. Tuilinn entfernte sich von der Gruppe, um die Landschaft zu bewundern, wie sie es schon zahllose Nächte davor getan hatte. Diese nächtlichen Spaziergänge waren auf der Reise zu einer liebgewonnenen Tradition für sie geworden, weil sie zum Einen die Schönheit der Welt bewundern konnte, zum Anderen konnte sie den Zwiespalt in ihrem Herzen erspüren und über ihn nachdenken, ohne achtzugeben, dass keiner ihre aufsteigenden Zweifel bemerkte.

Tuilinn war gerade durch eine kleine Baumgruppe gewandert, um von einem Hügel aus über die Landschaft zu blicken, als sie auf einem Felsen am Rand der Hügelkuppe einen Raben sitzen sah. In Imladris hatte Tuilinn schon immer ein gutes Händchen im Umgang mit Tieren gehabt, sie verstand zwar nicht deren Sprachen, verfügte jedoch über eine ausgeprägte Intuition. Also setzte Tuilinn sich langsam und leise zu dem Raben und überblickte mit ihm gemeinsam das Tal. Der Rabe machte keinerlei Anstalten, wegzufliegen oder auch nur ein Stück von Tuilinns Seite zu weichen. Er putzte seine Flügel, warf ihr gelegentlich einen mäßig neugierigen Blick zu, schien aber im Großen und Ganzen mit der Situation sehr einverstanden zu sein.

Nach einer Weile begann Tuilinn, ihm leise ihr Herz auszuschütten. Sie erwartete nicht, dass er ihr antwortete, aber es tat gut, ihre Gedanken auszusprechen. Als sie mit ihrer Geschichte zum Ende kam, graute bereits der Morgen, doch der Rabe hatte geduldig ausgeharrt und Tuilinns Erzählung mit einem gelegentlichen Flügelschlagen oder leisen Krähen kommentiert. Ob das wirklich Kommentare waren, konnte Tuilinn nicht sagen, aber er tat ihr mit seiner Art gut, sodass sie ihm auch noch den letzten Zweifel berichtete.

Inzwischen war es Tuilinn klar geworden, dass sie noch nicht bereit für Aman war. Doch zum Einen wusste sie nicht, wie sie ihrer Familie das beibringen sollte, zum Anderen hatte sie große Angst davor, allein zurückzubleiben. Da sie Imladris nie zuvor verlassen hatte, war sie in ihrem Leben noch nie allein und auf sich gestellt gewesen. Als sie nun dem Raben davon berichtete, breitete der auf einmal seine Flügel aus, erhob sich träge in die Luft, flog eine Schleife über Tuilinn und ließ sich dann auf ihrer Schulter nieder, um mit dem Schnabel sanft auf ihren Schal zu picken.

Tuilinn lächelte sanft und streichelte dem Raben sacht über das Gefieder. Sie ging davon aus, dass er sie trösten wollte. Wie sich jedoch in der Folgezeit schnell herausstellte, verfolgte der Rabe einen ganz anderen Plan. Denn er blieb standhaft an ihrer Seite. Als sie zurück zum Lager ging, als die Gruppe aufbrach, um ihren Weg fortzusetzen. Als sie das Auenland verließen und den Grauen Anfurten immer näher und näher kamen.

Er begleitete sie tagsüber und zeigte keine Scheu gegenüber ihren Mitreisenden. Nachts war er bei ihr, wenn sie ihre Spaziergänge machte. Manches Mal flog er ein Stück vor ihr her, um sie scheinbar zu besonderen Stellen zu führen, einen kleinen Wasserfall zum Beispiel, oder eine Lichtung mit besonders schönen Blumen. Mit der Zeit entwickelte Tuilinn ein hervorragendes Gespür für ihn, erkannte, was er ihr sagen wollte, und begann, auf seinen Rat zu vertrauen.

So verstand sie auch seinen Plan einige Tage, bevor sie mit ihrer Familie Mithlond erreichte. Eines Nachts – sie saß gerade an einem kleinen, einsamen Waldsee – flog der Rabe hinauf in die Lüfte und verschwand über den Baumwipfeln. Wenn er fortflog, kam er immer schnell zurück, also wartete Tuilinn geduldig und hing derweil ihren Gedanken nach. Nach ein paar Minuten kam er tatsächlich zurück, im Schnabel eine weiße, sternförmige Blüte, die er vorsichtig in ihren Schoß fallen ließ, bevor er sich, wie inzwischen gewohnt, auf ihrem Unterarm niederließ.

Tuilinn betrachtete die Blüte lange, dann sah sie den Raben an und nickte lächelnd.

Am folgenden Morgen nahm sie all ihren Mut zusammen und ergriff vor der Gemeinschaft das Wort. Sie hatte sich entschieden, in Mittelerde zu bleiben. Sie wollte ihrer Familie gewiss keinen Kummer bereiten, fuhr sie fort, doch war ihr auf der Reise immer klarer geworden, dass sie noch nicht bereit für den Westen war. Auch die Rolle des Raben verschwieg sie nicht. Sie versicherte ihren Eltern, dass Elgarn – so hatte sie den Raben inzwischen genannt – all ihr Vertrauen verdiente, seit seinem Erscheinen gut auf ihre Tochter aufgepasst hatte und dies gewiss auch in der Zukunft tun würde.

Für ihre Eltern war diese Offenbarung sehr schmerzhaft. Sie hörten Tuilinn lange schweigend zu und warfen sich gelegentlich sorgenvolle Blicke zu. Als der Bericht zu Ende war, erhob sich Tuilinns Vater und nahm seine Tochter sanft in den Arm. Tuilinns Mutter erhob sich einen Moment später und legte ihre Arme ebenfalls um die geliebte Tochter. So stand die Familie eine lange Zeit, bevor das erste Wort gesprochen wurde.

Tuilinns Mutter bat ihre Tochter, noch bis zum Meer mitzureisen, doch der Vater wandte ein, dass er seiner Tochter den Abschied nicht erschweren wollte. Tuilinn selbst stimmte ihrer Mutter jedoch zu. Sie wollte gern am Steg stehen und dem Schiff nachsehen, denn sie wollte den Abschied in ihrem Herzen tragen und niemals vergessen.

Der letzte Teil der Reise verlief für die gesamte Gemeinschaft besonders intensiv. Elgarn erhielt nun von allen mitreisenden Elben sehr viel Aufmerksamkeit, wollte doch jeder sichergehen, dass er wirklich so ein treuer Beschützer war, wie Tuilinn es berichtet hatte. Der Rabe ließ nicht den leisesten Zweifel daran aufkommen, bisweilen war ihm aber ganz offensichtlich die viele Aufmerksamkeit unangenehm.

Der Tag des großen Abschieds kam, und für alle war es ein schmerzhafter Tag. Tuilinn hielt ihre Eltern lange im Arm und weinte mit ihnen gemeinsam. Als das Schiff den Hafen verlassen hatte, schaute Tuilinn weinend hinterher, und sie schaute immer noch, als das Schiff schon längst hinter dem Horizont verschwunden war. Elgarn saß die ganze Zeit über auf ihrem Unterarm und gab keinen Laut von sich, um ihre Trauer nicht zu stören.

Als die Nacht hereinbrach, wandte Tuilinn sich vom Horizont ab und betrachtete die Häuser der Elben von Mithlond. Von hier sollte ihr Weg zurück nach Osten führen. Sie wollte nicht schnurgerade auf Imladris zuhalten, sondern die Lande zwischen dem Meer und der Heimat Elronds in aller Ruhe durchstreifen, die dort lebenden Völker kennenlernen und studieren und ganz besonders dem Auenland ihre Aufmerksamkeit schenken. Denn dort hatte sie ihren jetzt einzigen Freund in Mittelerde kennengelernt, und dort war die Entscheidung letztlich wohl getroffen worden.

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