Charaktergeschichte: (Rift) Pixie 2

Dämmerscheid bei Nacht

„Hu!“ Ruckartig setzte Pixie sich in ihrem Bett auf und war sofort hellwach. Was hatte sie da nur geträumt?

Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass es noch viel zu früh zum Aufstehen war, aber nun war sie ja wach, was also mit der Zeit anfangen? Pixie schwang die Füße aus dem Bett und streckte sich ausgiebig. Ein Spaziergang könnte vielleicht gut tun. Also schlüpfte sie aus dem Nachthemd und in die gewohnte Robe.

Beim Stiefelschnüren schlich sich ein merkwürdiges Gefühl ihren Nacken hinauf, sie setzte sich abrupt wieder auf und sah hinter sich. Blanke Wand, ein zerwühltes Bett, ein hingeworfenes Nachthemd. Merkwürdig…

„Ach, was soll’s“, stellte die Zwergin unbekümmert in den sehr stillen Raum, und beim Klang der Worte verschwanden ihre Zweifel. „Hirngespinste, Ausgeburten der Fantasie. Von sowas lasse ich mich doch nicht beeindrucken. Wäre ja gelacht!“

Zufrieden verließ Pixie ihr Zimmer und schlich leise den Gasthausflur hinunter in Richtung Haustüre. Einmal um den Dorfplatz, und wenn die Luft mild war vielleicht noch auf den Tonnenbaum, den Morgen begrüßen. Ein guter Plan.

Dämmerscheid lag in tiefe Finsternis getaucht, als der rote Schopf der Zwergin in der Tür des Gasthauses erschien. Eine widerspenstige Locke hatte sich gelöst und baumelte ins Gesicht. Tief durchatmend strich Pixie die Locke hinter ihr Ohr und beschloss, dass der Tonnenbaum jedenfalls erklommen gehörte.

Den Schatten der Nacht begegnete man am besten mit einem breiten Lächeln, und mit diesem auf dem Gesicht nickte die Zwergin grüßend zum vollkommen lichtlosen Himmel hoch, der über dem Tal hing wie ein schwerer Brokatbaldachin. Kein Stern, nicht einmal der Mond, kam durch die Wolkendecke über Dämmerscheid hindurch. „Guten Morgen, schlechtes Wetter“, grüßte sie schmunzelnd und drehte ihre Runde um den Platz.

Kein Laut war zu hören, nur das leise Tapp-tapp der Ledersohlen auf den Kopfsteinen und das Klock-klock des Stabes, den eine Magierin selbstverständlich immer bei sich führte.

Der ganze Ort schlief, alle Fensterläden waren verschlossen, Pixie war mit ihren Gedanken vollkommen allein. Was für eine Wohltat nach dem Tag gestern, als der Platz nur so gesummt hatte vor Abenteurern und entschlossenen Kämpfern für die Vigilie. Pixie musste noch immer schmunzeln über die tollpatschige Hochelfe, der beim Zahlen ihr Geldbeutel heruntergefallen war. Als sie sich danach gebückt hatte, hatte sie mit dem Schwert, das an ihrem Gürtel befestigt war, in einem eleganten Schlenker die Auslagen des Waffenhändlers von dessen Tresen gefegt.

Pixie blickte schmunzelnd zu dem nun verwaisten Stand des Waffenhändlers herüber, doch das Schmunzeln blieb ihr im Halse stecken. Hinter dem Tresen war ein schwarzer Schemen gerade so zu erkennen. Sie kniff die Augen zusammen und sah genauer hin.

In diesem Moment schoss der Schemen hervor, geradewegs auf die Zwergin zu, in einer einzigen fließenden Bewegung hatte er sie sofort in eisernem und metallkaltem Griff umfasst und starrte ihr aus nächster Nähe in die Augen.

„Hast du gedacht, wir würden dich vergessen? Nie werden wir vergessen.“

Pixie kniff die Augen zu und schrie aus vollem Hals. Sie schrie und schrie und konnte nicht aufhören.

Ein Schütteln durchfuhr sie, und sie schrie noch lauter.

„Aufwachen! So wacht doch auf! Ihr hattet einen Alptraum!“ Der Wirt rüttelte und schüttelte die verkrampfte Zwergin, die immer noch schrie wie aufgespießt. Hinter ihm in der Tür zu dem kleinen Gastzimmer sammelten sich inzwischen einige Leute. „So kommt doch zu Euch! Ihr seid hier in Sicherheit! Aufwachen!“

Noch immer schreiend, öffnete Pixie hinter einem Tränenschleier ihre Augen. Als sie endlich begriff, klammerte sie sich an ihre Bettdecke, befühlte diese, tastete die Wand ab, sah sich nach ihrer Kleidung um. Alles hatte seine Ordnung.

Sie sah den Wirt mit großen Augen an. „Ich habe geträumt.“

Der ließ die angespannten Schultern sacken und erwiderte ihren Blick mit großer Erleichterung. „Ja, das habt Ihr. Es ist alles in Ordnung. Alles in Ordnung, Leute!“, wandte er sich dann an die sorgenvollen Gäste in der Tür. „Ihr könnt wieder gehen, wir haben hier nur einen Alptraum zu verzeichnen. Ist ja nichts Besonderes in dieser Gegend, oder will jemand etwas anderes behaupten?“

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